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Mit dem Rollstuhl nach Indien …

(von Dr. Waltraud Pillai-Vetschera)

„Er soll noch heute kommen, so zwischen halb elf und halb zwölf“ rief S. zur Tür herein. „Heute noch – halleluja, hat’s doch noch geklappt!“ Selten hatte ich ein Ereignis sosehr herbeigewünscht wie das, welches mir mein Schwiegersohn gerade ankündigte.

Wir waren seit 4 Tagen in Indien. Wochenlang hatten wir gelegentlich über die Reise geredet, uns eigentlich schon dagegen entschieden gehabt – zu anstrengend, zu gefährlich fürs Baby, zu teuer – bis dann doch die Sehnsucht nach Sonne, Wärme und Indien die Oberhand gewonnen hatte. Außerdem wurde das Baby demnächst zwei Jahre alt und würde ab dann ein ganz normales, teures Flugticket brauchen, während es jetzt noch fast umsonst reiste. Es fand sich dann auch noch ein halbwegs günstiger Flug von Wien weg, mit nur einem Zwischenstopp in Abu Dhabi, und auch der hatte gerade die richtige Länge – nicht 9 oder 14 oder 19 Stunden, wie bei manchen anderen Flügen. Ein neuer Pass fürs Baby musste noch her, die Visa…Alles klappte – zwar knapp, aber doch, und am Reisetag traf ich eine vergnügte, kleine Familie – Tochter, Schwiegersohn und Enkelin – am Flugplatz an. Nur das inzwischen etwas grau melierte Familienoberhaupt hatte nicht mitkommen wollen, sah aber jetzt doch ein wenig traurig drein, als wir anderen alle eincheckten.

Wie üblich sollte ich verladen werden, bevor die anderen Passagiere kamen. Mit dem Rollstuhl bis zum Flieger – bequemer geht’s nicht. „Die Fußteile fallen ziemlich leicht raus“, erklärte ich meinem netten Begleiter. „Dann ist es besser, Sie montieren sie ab und geben sie ins Handgepäck“ meinte der freundlich und half mir, sie in die ohnehin ziemlich volle Tasche zu zwängen.

Der Flug war problemlos, das Baby brav, unsere Ankunft in Kochin – ca. drei Uhr morgens – fast pünktlich. „Hoffentlich werden wir auch wirklich abgeholt“, murmelten die jungen Eltern besorgt. „Klappt sicher“, beruhigte ich sie, „ich hab gestern zur Sicherheit nochmals angerufen. In einer Stunde sind wir da und können uns niederlegen“. Nun ja, das war der Plan gewesen.

Als wir als letzte in die Ankunftshalle kamen, standen da unsere Mitpassagiere an Pulten aufgereiht und füllten Zettel aus. „Das haben wir Gottseidank schon im Flugzeug gemacht“, murmelten wir. Denkste. Die im Flieger waren für die Einwanderungsbehörde gewesen, die neuen hier waren für den Zoll. Die Formulare waren fast identisch, hier wurde man allerdings auch noch gefragt, ob man „verbotene Dinge“ importierte. Am liebsten hätte ich „ja“ hingeschrieben. Wenn dann nichts passiert wäre, hätte man zumindest den Beweis erbracht, dass kein Mensch diese Zettel jemals anschaut und das Ausfüllen derselben nur Beschäftigungstherapie für die Passagiere ist, bis sie ihr Gepäck übernehmen können. Aber ich tat es natürlich doch nicht.

Apropos Gepäck. Als wir endlich alle Formalitäten hinter uns hatten und an mürrischen Warteschlagen vorbei zum Rollband gelotst worden waren, standen da schon all unsere Koffer vollzählig aufgereiht. „Wo ist mein Rollstuhl?“ fragte ich, noch unaufgeregt. Würde wohl irgendwo etwas abseits stehen. Ich saß in einem der leider jetzt weitverbreiteten Flughafen-Rollstühle mit winzigen Rädern, die ein Selbstfahren unmöglich machen. Verlängert man die Arme gorillaartig und dreht man die dicken Gummireifen direkt mit den Händen, kann man sich ein paar Zentimeter weiterbewegen, für alles andere braucht man einen „Schieber“. Ich sah diesen meinen Schieber nun fragend an, und er machte sich auf die Suche. Nach einer Weile kam er zurück und erklärte bedauernd „Ist nicht da“. Nun wurde ich doch etwas nervös – aber noch nicht sehr. Schließlich war ja das andere Gepäck vollzählig da, also würde auch der Rollstuhl auftauchen. Schieber verschwand und kam mit einem Mädchen in einer hübschen Uniform zurück. Sie blickte zuversichtlich drein und ließ sich sämtliche Gepäckaufkleber geben – es waren sechs, und vier Koffer und eine Babytrage waren da. Ein Stück fehlte eindeutig. „Nur einen Moment noch, Madam“. Aus dem einen Moment wurden viele, und auch die Zahl der Suchenden nahm zu. Schließlich waren wir umringt von fünf oder sechs Menschen, die alle bedauernd ihre Köpfe schüttelten. „Nicht auffindbar – er ist nicht mitgekommen“. Mein unterschwellig immer vorhandener Albtraum – einmal irgendwo anzukommen und keinen Rollstuhl zu haben – war in dieser Nacht Realität geworden. Und jetzt? Ich kann keinen Schritt gehen, nicht einmal aufstehen. Leider bin ich „wirklich“ gelähmt und nicht nur schlecht zu Fuß, wie die meisten betagten Flugpassagiere, für die ja offensichtlich die unmöglichen Flughafenrollis gedacht sind. In diesen werden sie von einem Gate zum anderen gerollt, und dann stehen sie auf und gehen ins Flugzeug hinein, oder gehen zum Taxi….“Sie müssen jetzt eine Suchmeldung ausfüllen“, sagte eine Stimme und verlangte meinen Pass, und eine andere fragte, „Wohin fahren Sie von hier?“ Letztere gehörte einem Mann in dunklem Anzug und Krawatte. Man hatte also auch schon die höheren Etagen verständigt. Ich gab ihm eine Visitenkarte unseres Zielortes. Charakas Hospital and Research Center, stand da. Er warf einen Blick darauf. „Gut, Sie unterschreiben jetzt bitte das Formular für die Suche“ – irgendjemand hatte das inzwischen ausgefüllt – „und dann bringen wir Sie mit dem Flughafenrollstuhl zu Ihrem Taxi.“ „Und dann?“ fragte ich und wunderte mich, dass ich noch nicht heulte. „Dann lassen Sie sich im Spital einen Rollstuhl geben, bis wir Ihren gefunden haben!“ Im Spital?? Ach ja, die Visitenkarte. Papier ist geduldig. Das „Spital“ besteht aus 8 Doppelzimmern, von denen je zwei in einem kleinen Bungalow untergebracht sind. Die Betreuung durch die Ayurvedaärzte – einen etwas senilen älteren, eine ganz unerfahrene, sehr junge –lässt zu wünschen, aber der Platz ist hübsch. An einem kleinen Fluss gelegen, zu dem die Leute kommen um sich und ihre Wäsche zu waschen, und in dem letztendlich auch Baby begeistert plantschte; wo sich manchmal blaue Eisvögel kopfüber ins Wasser stürzen und am Abend nicht enden wollene Schwärme Fliegender Hunde den Fluss entlang ziehen und tagsüber die Streifenhörnchen auf den Kokospalmen, den Guava-Bäumen und Bananenstauden Fangen spielen. Die Massagen sind gut, und das Essen ist in Ordnung. Ein Platz zum Entspannen, aber alles andere als ein Spital, und jedenfalls keines mit einem Rollstuhl zum Ausleihen. „Morgen um neun sperren die Geschäft auf, da können Sie vermutlich einen Rollstuhl kaufen“, schlug der Herr in Schwarz vor. Kaufen? Vermutlich? Und auch wenn –was mache ich bis dahin? Krieche ich am Bauch, wie einst die Schlange im Paradies? Lasse ich mich tragen, wie das Baby, wenn es müde ist? Etwas schwierig, denn ich bin doch um einiges schwerer. Und verdammt noch einmal, was hieß denn, “einen kaufen“? Das klang ganz so, als sollte ich die Hoffnung aufgeben, meinen gerade einmal 4 Monate alten Rolli, der genau auf meine Wünsche und Bedürfnisse zugeschnitten war, jemals wiederzusehen. Damit würde ich mich nicht abfinden.

C hatte inzwischen mit dem Baby am Arm in der großen Halle Kreise gedreht und kam nun zurück. „Dort in der Ecke stehen ein paar Rollstühle. Einer schaut sogar einigermaßen brauchbar aus“, sagte sie und wandte sich gleich an den Mann in Schwarz. „Können wir den vielleicht ausborgen, bis der von meiner Mutter gefunden ist?“. „Unmöglich“ antworteten mindestens drei Menschen unisono. Das seien zwar nicht abgeholte Gepäckstücke, aber….nein, das seien Dinge, die einer Reisegruppe gehörten…nein, nein, eine Fluglinie habe die Sachen da deponiert, man wisse allerdings nicht, welche…“Jedenfalls liegt das alles schon lange da. Die Dinge sind staubig, und auf dem Rollstuhl liegen alle möglichen anderen Sachen…“ insistierte meine Tochter. „Wenn das Zeug schon lange da herumliegt, wird es ja in den nächsten zwei Tagen auch niemand beanspruchen?“ hakte ich hoffnungsvoll nach. Besser, ein mieser, alter Rollstuhl, als gar keiner. „Verstehen Sie doch bitte, es geht wirklich nicht“, jammerte der Mann in Schwarz. „Wir haben unsere Vorschriften…uns sind die Hände gebunden….ich bedaure wirklich, aber….“ Wir beschlossen, genauso hart zu bleiben. Einfach nicht weggehen. Es war inzwischen halb fünf, alle anderen Passagiere waren längst weg, die Flughafenleute gähnten verhalten. Um mich freundlicher zu stimmen, zählte mir ein Mädchen unserer Luftlinie 2500 Rupien vor (ca. 35 €). Ich solle nur ein neuerliches Formular unterschreiben. Nein, das verpflichte mich zu gar nichts. Es sei eine Art „Schmerzensgeld“, wegen der Unannehmlichkeiten…denn es sei leider unmöglich, mir seitens des Flughafens oder der Airline irgendeine Art von Rollstuhl zu überlassen.

Eine Viertelstunde später saß ich dann doch endlich in diesem Ungetüm, in dem in kleiner Elefant Platz gefunden hätte. Zu später Stunde wird auch das Unmögliche manchmal noch möglich – und das ganz ohne Bakschisch. Sie wollten mir wirklich helfen und setzten sich dafür über ihre Vorschriften hinweg, und sicher wollten sie uns auch allesamt endlich irgendwie loswerden, um heimgehen zu können.

Der Fahrer, der geschickt worden war, um uns abzuholen, hatte brav gewartet. Die nächste böse Überraschung kam beim Beladen des Autos – es war einfach zu klein. Das Gepäck und wir fanden mit ach und krach Platz, der Rollsuhl nicht. Er war zwar faltbar und die Fußteile abnehmbar, trotzdem war er einfach zu unförmig. Schließlich musste noch eine Motorrikscha dazugemietet werden, die den Rollstuhl transportierte. Die Fahrt im Schneckentempo durch die beginnende Morgendämmerung dauerte unendlich lange. Unser Fahrer wollte wohl nicht früher als die Rikscha ankommen. Ich versuchte, Ängste, Bedenken und die Müdigkeit wegzuschieben, und endlich das Angekommensein zu genießen – die Gerüche, die Geräusche, die zum Leben erwachenden Farben. Als wir schließlich am Ziel waren, blinzelten die ersten Sonnenstrahlen durch die Bananenstauden.

Ich wollte endlich – nach wie vielen Stunden eigentlich? – so schnell wie möglich aufs Klo. Nächste böse Überraschung: für dieses Gefährt war die Türe um einiges zu eng. C. half mir, indem sie mich mühsam auf die Klomuschel hinüberzog. Später versuchte ich es nochmals alleine, stellte einen Plastiksessel in die Tür, rutschte auf den hinüber, vom Sessel aufs Klo, und das ganze wieder zurück. Das alles mit Todesängsten, weil der Sessel kein bisschen stabil war, hin- und herrutschte, und ich mich jeden Augenblick auf dem Boden landen und ein Bein brechen sah. „So geht das nicht weiter“ dachte ich und schilderte dem Manager mein Problem. Ich hatte mir schon überlegt, dass die einzige Möglichkeit war, die Treibreifen am Rollstuhl abzuschrauben, und der Manager kam jetzt zu genau demselben Ergebnis. Gesagt, getan, in einer knappen Stunde waren die Treibreifen herunten, die Schläuche wieder montiert und aufgepumpt. Nun kam ich zwar ins Bad, dafür konnte ich nur noch mühsam rollen. So hatte ich mir diesen Urlaub nicht vorgestellt – ohne mich im Freien bewegen zu können, ohne einkaufen- oder spazieren zu rollen.

Verzweifelt wartete ich auf einen Anruf vom Flugplatz. Doch der ganze Tag verging, und dann auch der nächste, ein Sonntag. Am Montag hieß es endgültig, dass der Rollstuhl nicht in Abu Dhabi sei, er müsse demnach in Wien liegengeblieben sein. Also rief ich das Flughafenfundbüro dort an, wurde weiterverbunden an eine Stelle, die schon Bescheid wusste. Ein sehr bemühter und freundliche Herr Markus versprach zu helfen, wollte die Nummer vom baggage claim tag des Rollstuhls wissen. „Die tags haben sie mir alle am Flugplatz in Kochin weggenommen, für die Suche“. „Das ist schlecht“, sagte Herr Markus, aber gleich darauf rief er erfreut, „Ich hab’s. COK-EY 280…..und sobald ich etwas erfahre, melde ich mich. Allerdings“ fügte er etwas besorgt hinzu, „nach 48 Stunden sind die Chancen schon recht gering. Sie sollten sich langsam damit abfinden, dass er verloren ist….“. Und er gab mir gleich auch gute Ratschläge, wie ich nun weiter vorgehen solle. Doch die wollte ich nicht hören – noch nicht.

Immerhin stellte ich mich nun doch auf eine längere Wartezeit ein und bat die Kinder, mit mir Zimmer zu tauschen. Zu meinem Klo gab’s eine kleine Stufe – nicht unüberwindbar, aber doch sehr mühsam. Beim Bad im anderen Zimmer war nur ein niedriger Staffel. Wir übersiedelten also die Gepäckstücke, und weil noch niemand viel ausgepackt hatte, ging der Umzug recht schnell. Ich räumte im neuen Zimmer erst den Koffer aus, machte die Reisetasche auf und nahm die Fußstützen heraus – und hielt plötzlich vor Schreck die Luft an. An der linken Fußstütze hing ein großer, weißer, grün umrandeter Gepäckaufgabe-Anhänger. COK-EY 80 stand in großen Buchstaben und Ziffern drauf. Das hieß, dass der Rollstuhl unbeschriftet irgendwo herumstand – in Wien war nichts liegen geblieben , also musste er nach Abu Dhabi gebracht worden sein, aber dort konnte man natürlich nicht wissen, wohin man ihn weiterschicken sollte. Also war er liegen geblieben. Das Rätsel war gelöst. Neuerliche Anrufe bei allen drei Flughäfen, um die neue Situation zu erklären. Man möge nicht nach einem Rollstuhl mit einer ganz bestimmten Buchstaben-Ziffernkombination suchen, sondern nach einem ohne irgendeinen Anhänger. Am Dienstag kam endlich der heiß ersehnte Anruf aus Abu Dhabi – er sei vermutlich gefunden worden. Ich musste am Telefon sein Aussehen beschreiben. Schwarz, ohne jeden Firlefanz…und hinten steht KÜSCHALL drauf, fiel mir ein. „Buchstabieren Sie das bitte“ forderte mich jemand in fast akzentfreiem Englisch auf. „K, ein U mit zwei Punkten darüber – ein Ü gibt’s im Arabischen wohl kaum. S, C, H…..“ Ich hatte ihn überzeugt. Noch am selben Abend, schon fast gegen Mitternacht, wurde mein Rolli tatsächlich gebracht und mir übergeben, nachdem ich nochmals meinen Pass hergezeigt hatte. Eine Nacht lang war ich überglücklich. – Am nächsten Morgen hatte ich ein knallrotes und dick angeschwollenes Bein. Aber das ist eine andere Geschichte…..

Und die Moral von der Geschicht:

Zerlege deinen Rollstuhl nicht

Und wenn du’s doch tust, schau genau, an welchem Teil man den Gepäckanhänger festgemacht hat, und hüte dich davor, ausgerechnet diesen Teil zu entfernen!

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