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Ein großes Stück Freiheit – ÖZIV-Info, Gastbeitrag von Dr. Christiane Weissenbacher-Lang

 

In diesem Sommer durfte ich etwas ganz Besonderes erleben, nämlich einen Tandem-Gleitschirmflug. Eine großartige Erfahrung, die ich gern mit Ihnen teilen möchte!

 

Ich sitze seit dem Jahr 2000 im Rollstuhl. So wie wahrscheinlich jeder, der im Laufe seines Lebens von einer Behinderung „überrascht“ wurde, habe ich doch einige Zeit gebraucht, um mich wieder zurecht zu finden. Vor vielen Jahren kam ich zu dem Schluss, dass für uns Menschen mit Behinderungen eines ganz entscheidend ist: Eine gehörige Portion Lebensqualität. Dazu gehört für mich auch ein Stück weit Abenteuer. Zum Geburtstag bekam ich einen Gutschein für einen Tandem-Gleitschirmflug. Im August herrschten endlich nach vielen Monaten optimale Wetterbedingungen und ich beschloss, diesen Gutschein endlich einzulösen.

Online und barrierefrei

Ich fliege mit FlyTandem (www.flytandem.at).

Mein Mann Daniel hat dieses Unternehmen im Internet gefunden. Aus der Homepage geht hervor, dass Erfahrung mit Menschen mit Behinderungen besteht. Der Gutschein wurde online bestellt, Termine können ebenfalls online reserviert werden.

Daniel ruft sicherheitshalber noch einmal an, um durchzugeben, dass ich eine körperliche Behinderung habe.

Da ich noch nicht abschätzen kann, wie mein Körper auf diese Belastung reagiert, beschließen wir einen klassischen Tandemflug zu buchen, der ca. 15 Minuten dauern wird.

Am Tag des Fluges sollen wir uns um 9.45 Uhr bei der Talstation des Bischling in Werfenweng einfinden. Wir haben am Tag zuvor bei der Kassa der Gondelbahn angerufen, um herauszufinden, ob ein barrierefreies WC vorhanden ist.

Die Erfahrung der letzten Jahre hat uns gelehrt, dass die Durchführung diverser Unternehmungen oft nicht daran scheitert, dass man prinzipiell nicht mit dem Rollstuhl zurecht kommen würde, sondern meist an der Tatsache, dass es weit und breit kein geeignetes WC gibt. Aber in diesem Fall, am Fuße des Bischling mitten im schönen Salzburger Land, werden wir positiv überrascht: Es gibt tatsächlich eine barrierefreie Toilette!

Die Nervosität verfliegt

Wir sind ein wenig früher dran, sitzen an diesem traumhaften Sommertag in der Sonne und warten auf meinen Piloten Wolfgang Wimmer. So relaxed, wie es gerade klingt, fühle ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich bin nervös, aber ohne eine ordentliche Portion Aufregung und ein wenig Schiss wäre es ja auch kein richtiges Abenteuer, oder? Als Wolfgang kommt, organisieren wir unsere Liftkarten. Diese sind sowohl für mich als auch für meinen Mann Daniel als Begleitperson kostenlos.

Die Gondel ist über eine mobile Rampe barrierefrei erreichbar. In der Gondelkabine kann eine der beiden Sitzbänke senkrecht aufgeklappt werden, damit genug Platz für den Rollstuhl ist. Während der Gondelfahrt lernen wir Wolfgang ein wenig besser kennen. Meine Nervosität ist in dem Augenblick, als die Gondel aus der Talstation schwingt, weg. Wolfgang schafft es ganz leicht für eine recht entspannte Atmosphäre zu sorgen. Unterwegs füllen wir noch ein kurzes Formular, das Flugticket, aus. Der Bürokratie muss schließlich auch in 1.800 m Seehöhe Genüge getan werden.

Es geht los

Ein Pfad, der mit Hilfe einer Begleitperson gut bewältigbar ist, führt zum Startplatz. Dort angekommen, geht alles recht zügig. Wolfgang gibt mir einen Helm und mein Mann Daniel hilft mir, ihn aufzusetzen. Es ist sehr warm, ich brauch also keine Jacke. Das einzige, worauf ich wirklich geachtet habe, sind feste Schuhe, die über die Knöchel reichen. Ich habe ja noch keine Vorstellung, wie die Landung vonstatten geht. Da ich meine Beine nicht bewegen kann, möchte ich kein Risiko eingehen. Daniel hebt mich in mein Gurtzeug, das am Boden liegt. Die Piloten heben mich in die Startposition, Wolfgang setzt sich mit seinem Gurtzeug hinter mich, und ich werde an ihm festgeschnallt. Und dann geht es auch schon los! Wolfgang steht auf und seine Kollegen Christian und Rupert heben mich an meinem Gurtzeug hoch, damit Wolfgang nicht mein gesamtes Gewicht tragen muss. Er zieht den Schirm hoch in die Luft und, als es passt, läuft er los. Christian und Rupert laufen noch ein paar Schritte mit und geben uns den nötigen Schwung. Sekunden später schweben wir bereits hinaus und folgen dem Berggrat, um die Thermik zu nutzen.

Adrenalin pur!

Vor dem Start hatte ich mir wegen meiner schlechten Rumpfaufrichtung ein wenig Sorgen gemacht, weil man sich während des Starts nicht ordentlich festhalten kann. Im Gurtzeug sitze ich jedoch wie in einem gemütlichen Wohnzimmersessel. Mein zweites Sorgenkind war mein Kreislauf, aber auch der ist stabil. Was so ein bisserl Adrenalin ausmacht!

Wir fliegen über Bäume, nähern uns immer wieder dem Berg an, um die Thermik für den Auftrieb zu nutzen. Es ist ruhig, man hört nur das Rascheln des Windes im Schirm. Die Aussicht ist sagenhaft an diesem klaren, sonnigen Augusttag. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie schnell wir fliegen oder in welcher Höhe wir uns befinden, in diesem Augenblick ist das alles komplett unwichtig. Das Gefühl ist auf jeden Fall großartig, es ist gemächlich, friedlich, gelassen dort oben.

Wolfgang erklärt mir das Prinzip des Gleitschirmfliegens, und ich darf auch kurz das Steuer übernehmen und ein paar Kurven fliegen. In der Luft besprechen wir die Landung und gehen sie auch praktisch durch. Auch das gibt ein Gefühl der Sicherheit. Am Weg zum Landeplatz fliegt Wolfgang noch ein paar Flugfiguren! Auch die Landung erweist sich unproblematisch. Ich hebe mit einem Gurt meine Beine ein wenig an, Wolfgang schiebt seine Füße unter meine, und wir landen sanft im Sitzen. Daniel ist in der Zwischenzeit wieder mit der Gondel hinunter- und mit dem Auto zum Landeplatz gefahren. Die Erde und mein Rollstuhl haben mich wieder, und ich bin mir jetzt schon sicher, dass ich für einen längeren Thermikflug ins schöne Salzburger Land zurückkehren werde.

Was war es denn nun insgesamt? Ein barrierefreies Erlebnis, perfekt organisiert, durchdacht und sicher. Ein kleines Abenteuer, eine Portion Normalität und Hinter-sich-Lassen eines manchmal allzu eingeschränkten Lebens. Aber allem voran war es ein großes Stück Freiheit!

Projekt „Grenzenlos fliegen“

Neben den routinemäßig durchgeführten Flügen gibt es seit diesem Jahr zusätzlich „Grenzenlos fliegen“, ein Projekt der Werfenwenger Paragleit-Piloten, das FlyTandem mit Freude unterstützt. Das Ziel: Menschen mit Behinderungen aller Art und jenen, die vom Schicksal schwer geprüft sind, den Menschheitstraum Fliegen als Geschenk unentgeltlich ermöglichen (http://www.grenzenlosfliegen.net/)

 

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