Seit der Gründung des Verbandes im Jahr 1957 ist die Integration von Behinderten in einem erfreulich hohen Maß vorangeschritten. Und es gehört heute auch für RollstuhlfahrerInnen praktisch zur Selbstverständlichkeit, Urlaub zu machen. Auf dieser Seite wollen wir das mit einem Urlaubsbericht einer Behinderten dokumentieren.
Gletscher, Eisbären und eine Sonne, die nicht untergeht
(ein verspäteter Reisebericht von Annemarie Grillenberger)
Aus Rollstuhl Aktiv, Nummer 189, vom Juni 2011
Tag und Nacht die Sonne zu sehen ist für mich als "Sonnenmensch" der Traum schlechthin. Allerdings brauche ich auch die Wärme, die wir ja alle erwarten, sobald die Sonne sich zeigt. Zumindest im Sommer.
Auf der Reise, die wir (ein Grüppchen von 6 Leuten) Ende Juni 2010 für die Dauer von zwei Wochen unternahmen, war alles anders. Es war Sommer, natürlich, und die Sonne schien 24 Stunden lang, aber es war kalt, sehr kalt.
Unsere Reiseroute
Unsere Reise führte uns an Bord der Costa Magica von Kiel nach Spitzbergen (Svalbard = Kalte Küste), einer Inselgruppe nördlich des Polarkreises im Arktischen Eismeer, die 1596 vom niederländischen Seefahrer Willem Barents entdeckt wurde und auf der heute Biologen, Naturwissenschaftler und Forscherteams Licht in die Geheimnisse der Arktis zu bringen versuchen. Seit im Jahre 1973 65% der gesamten Svalbard Inseln zum Naturschutzgebiet erklärt wurden, sind sie ein Reservat für Studien der Fauna und Natur. Die meisten der 2400 Einwohner leben in Longyearbyen und Barentsburg, die übrige Bevölkerung ist auf kleinere Orte, Fang-, Forschungs- und meteorologische Stationen verteilt.
Der 27. Juni begann damit, dass ich frühmorgens um vier Uhr meine letzte Zigarette rauchte und somit als Nichtraucherin meinen Urlaub antrat ("ungewöhnliche Reisen erfordern ungewöhnliche Aktionen" dachte ich wohl). Den ersten Schock erlitten wir zwei Rollifahrer, als man am Flughafen Schwechat bei unserem Anblick große Augen machte, da wir vom Reisebüro nicht als Rollstuhlbenützer angemeldet worden waren (die großen Augen sahen wir auch beim Reisebuschauffeur, der uns von Hamburg nach Kiel bringen hätte sollen und beim Personal der Costa Magica. Ein Hoch auf Ruefa Reisen). Der Flexibilität und dem guten Willen aller Beteiligten ist es zu verdanken, dass wir dennoch unsere Reise antreten und sie sogar – bis auf wenige Ausnahmen – auch genießen konnten.
Zwölf Stunden später standen wir an der Reling der Costa Magica und nahmen Kurs auf Hellesylt. Wir passierten bald nach dem Ablegen das U-Bootdenkmal mit einem Bronzeadler für alle in beiden Weltkriegen gefallenen U-Bootleute und das Ehrenmal in Form eines riesigen Steuerruders eines Wikingerbootes für alle seit 1920 gefallenen Seeleute. Zirka vier Stunden nach unserem Auslaufen unterfuhren wir im Grossen Belt die zweitlängste Brücke der Welt mit einer Hauptspannweite von 1624 Metern, nur die japanische Akashi Kaikyo Bridge ist mit einer Spannweite (Abstand zwischen zwei Pfeilern) von 1990,8 Metern größer.
Die Costa Magica, eines der größten italienischen Schiffe und barrierefrei
Den nächsten Tag verbrachten wir auf See und hatten daher Zeit, unser Vier-Sterne-Schiff zu erkunden. Mit 105.000 Bruttoregistertonnen ist es eines der größten Schiffe, das unter italienischer Flagge fährt. Bezüglich der Umwelttechnik ist es mit dem "Grünen Stern" klassifiziert, der höchste Umweltstandards garantiert, wovon wir in einem Dia-Vortrag beeindruckende Details zu sehen und hören bekamen. Auch wenn mir persönlich kleinere Schiffe besser gefallen, weil sie meiner Meinung nach mehr Flair besitzen (und romantischer sind), kann man es sich als Rollifahrer leider nicht aussuchen, im Gegenteil, es ist eher positiv anzumerken, dass diese schwimmenden Riesen inzwischen über eine meist ziemlich große Anzahl an Behindertenkabinen verfügen. Und die Größe des Schiffes gibt uns die Möglichkeit, uns frei zu bewegen, was auf einem kleinen Schiff nur sehr eingeschränkt bzw. gar nicht der Fall wäre.
Es gibt auf der Costa Magica alles, was das Herz begehrt (und vielleicht noch ein kleines Bisschen mehr): Shoppingmeile, Kosmetiksalon, Friseur, Sportplatz, Joggingpfad (den wir jeden Morgen nutzten), Fitnessraum mit modernsten Geräten, Solarium, Swimmingpool mit Wasserrutsche, Internetcafé, Kapelle, Bibliothek, Kunstgalerie. Damit niemand verhungert oder verdurstet gibt es mehrere Restaurants, ein Buffet, das sich über zwei Stockwerke erstreckt und elf Bars. Für Unterhaltung ist gesorgt in der Diskothek und im Urbino, dem Kino bzw. Theater. In einem Casino hat man sogar die Gelegenheit, sein Geld loszuwerden.
Die Kabinen und Nasszellen sind geräumig und sauber und in vollem Umfang rollstuhlgerecht. Jedes Mal, wenn ich auf einem Schiff bin, frage ich mich, warum es hier mit Barrierefreiheit offensichtlich kein Problem gibt, wohingegen man dies von vielen Hotels an Land nicht behaupten kann.
Beeindruckend: das Licht am nördlichen Polarkreis
Am nächsten Tag, dem Dienstag, ging die Sonne um 3:30 Uhr auf und sollte von da an für die nächsten zehn Tage nicht mehr untergehen. Die erste Nacht unter der Mitternachtssonne war für alle Passagiere das ultimative Erlebnis, was daran zu erkennen war, dass sich fast die ganze Nacht zum Mittwoch so viele Menschen an Bord tummelten als wäre es Tag. Niemand schien müde zu sein, sogar ich selbst, die ich eher zu den Schlafmützen gehöre, saß mehrmals in diesen Nächten bis zum frühen Morgen an Deck.
Einige Stunden nach dem Sonnenaufgang überquerten wir auf dem 66. Breitengrad den nördlichen Polarkreis und wie der Wortteil Polar- schon ahnen lässt, wurden ab nun auch die Temperaturen dementsprechend, nämlich fast eisig (der Gipfel waren 0 Grad auf Spitzbergen und das am 4. Juli!).
Den Dienstag verbrachten wir tagsüber in Geiranger, dem Endpunkt des Geiranger Fjordes, der ca. 100 km von der Küstenlinie entfernt liegt und zu den berühmtesten Fjorden Norwegens zählt. Der Fjord gehört seit 2005 zum UNESCO-Weltnaturerbe, ist ca. 15 km lang, bis zu 1,3 km breit und stellt die Fortsetzung des Sunnylvsfjords dar. Von seiner nördlichen Steilküste stürzen sich sieben Wasserfälle – die Sieben Schwestern – direkt nebeneinander in den Fjord (die höchste Fallhöhe des Wassers beträgt dabei 300 m). Die Einwohner von Geiranger leben fast ausschließlich vom Tourismus, es kommen neben den Hurtigruten-Schiffen jährlich über 100 Kreuzfahrtschiffe im Geirangerfjord und somit in Geiranger an.
Die sieben Schwestern - Wasserfälle an der nördlichen Steilküste des Geiranger Fjordes
Abends nahmen wir Kurs auf das 583 Seemeilen entfernte Tromsö (größte Stadt von Nordnorwegen und Sitz der nördlichsten Universität der Welt) und passierten dabei die Inselgruppe der Lofoten. Tromsö war der einzige Halt, bis wir dann am Freitag in der Barentssee das erste Mal vom Kapitän den Ruf "er bläst!" hörten. Aufregung pur, denn der Ausruf bedeutete, dass Wale in Sichtweite waren. Und tatsächlich, da schwammen sie, meine ersten Wale! Sowohl der Blas (das Ausstoßen der verbrauchten Luft) als auch die Fluken (Schwanzflossen) waren trotz der erheblichen Entfernung wunderbar auszumachen. Auch die ersten Eisschollen, die durch die Strömung von Spitzbergen Richtung Süden getragen werden, waren zu sehen.
Der imposante Anblicks des Gullabreen-Gletschers im Magdalenenfjord
Am Samstag endlich näherten wir uns dem Magdalenenfjord, der von zwei mächtigen Gletschern, dem Gullabreen und dem Waggonway Breen gespeist wird. Mit Tenderbooten wurden wir nahe (aber nicht zu nahe, da es durch das Kalben eines Gletschers und die dabei entstehende Flutwelle schon zu Unfällen kam) an einen der Gletscher heran gebracht und waren fasziniert.
Für ganz Spitzbergen gültiges Eisbären-Warnschild
Danach ging es mit dem Schiff weiter nach Ny-Alesund, wo schon einige Polarexpeditionen starteten, die berühmteste und wichtigste unter ihnen die Expedition des Norwegers Roald Amundsen, der 1926 während des transarktischen Fluges im Luftschiff "Norge" mit fünfzehn weiteren Expeditionsteilnehmern als erster den geographischen Nordpol erreichte. Die frühere Kohlenbergbaustadt beherbergt heute noch das nördlichste Postamt der Welt, die nördlichste Eisenbahn wurde aber inzwischen stillgelegt. Der Ort ist heute ein internationales Forschungszentrum.
Unser nächster Hafen war Longyearbyen, wo es zwar einen Shuttlebus gab, den wir Rollifahrer aber in Ermangelung einer Rampe nicht nützen konnten. Also machten wir uns auf den Weg und bewiesen (wieder einmal) unsere Sportlichkeit. Longyearbyen ist einer der nördlichsten bewohnten Orte der Welt (die Polarnacht dauert hier von Oktober bis Feber) und beherbergt unter anderem das Svalbard Global Seed Vault, ein Langzeit-Lager für Saatgut. Die meisten Gebäude sind neueren Datums, so etwa das Sysselmannskontor (Dienststelle des obersten norwegischen Repräsentanten auf Svalbard). Das Straßennetz ist nur etwa 40 Kilometer lang und stellt keine Verbindung zu einem der anderen Orte auf Spitzbergen her. Schneemobile und Boote sind daher die Hauptfortbewegungsmittel auf der Insel, zum norwegischen Festland gibt es eine regelmäßige Flugverbindung. Auch wenn dies alles ziemlich hinterwäldlerisch klingt, gibt es dennoch ein sehr gutes Hotel- und Gastronomieangebot, weil die Stadt für die meisten Touristen das Eingangstor nach Spitzbergen ist und als Startpunkt für Ausflüge und Exkursionen in die Umgebung genutzt wird. Da unsere Verpflegung auf dem Schiff mehr als reichlich ausfiel, verzichteten wir auf einen Restaurantbesuch und gaben uns stattdessen im Svalbard-Museum und der Galerie Svalbard der Kultur und Kunst hin.
Sonntag mittag hieß es Abschied nehmen von der Kälte Spitzbergens, wir nahmen nun Kurs auf wärmere Gefilde. Zunächst ging es Richtung Honningsvag, einer Fischersiedlung auf der Insel Magerova, welche nur 40 km vom Nordkapp entfernt liegt. Der nächste Hafen war Hammerfest, das einen Eisbärenclub beherbergt und eine moderne lutherische Kirche, die mit ihren bunten Glasfenstern zu den schönsten zählt, die ich je gesehen habe.
Die lutherische Kirche in Hammerfest mit den bunten Glasfenstern
Hatte es in Hammerfest noch 5 Grad gehabt, ging es von nun an temperaturmäßig stetig bergauf. In Molde und Andalsnes hatte es 24 Stunden später schon 12 Grad und das erste Mal seit 9 Tagen ging auch die Sonne wieder unter, nämlich exakt um 23:39 Uhr.
130 Seemeilen weiter, in der alten Hansestadt Bergen, bewunderten wir das Hafenviertel Bryggen, dessen Holzhäuser nach jedem der vier Stadtbrände nach originalen Plänen wieder aufgebaut wurde und das deshalb heute noch dasselbe Profil wie im 12. Jahrhundert hat. Aus diesem Grund wurde Bryggen als Beispiel hanseatischer Baukunst in Norwegen 1979 durch die UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt.
Impressionen vom Fischmarkt
Den Fischmarkt konnten wir nicht verlassen, ohne uns einen kleinen Fisch-Snack gegönnt zu haben, der allerdings sehr rasch wieder verbrannt war, nachdem wir ohne Hilfe mit dem Rolli zur Talstation der Floibahnen hinauf gefahren waren. Die Standseilbahn brachte uns zum Aussichtspunkt Floyen, von dem aus wir einen herrlichen Blick auf Bergen genießen konnten. Die Temperaturen waren inzwischen frühlingshaft und wir feierten diesen Umstand mit einer Riesenportion Eis, diesmal allerdings mit süßem Speiseeis.
Nach einem weiteren Tag auf See und einem Abschieds-Gala-Dinner legten wir nach unserer 14-tägigen unvergesslichen Reise wieder im Hafen von Kiel an.
Es bleibt noch zu sagen, dass wir nicht nur die unverfälschte Natur von Spitzbergen und Norwegen genossen haben, sondern auch die köstlichen Spezialitäten, die uns jeden Tag auf der Costa Magica serviert wurden. Würde ich nach Norwegen auswandern, würde ich allerdings bald meinem geliebten Bier abschwören, denn die norwegischen Preise für Alkohol sind um ein Vielfaches höher als die österreichischen.
Es war ein wunderbarer Urlaub mit vielen neuen Eindrücken und unsere Erwartungen wurden in jeder Hinsicht erfüllt bzw. sogar übertroffen (bis auf den Fauxpas des Reisebüros), trotzdem wird das Ziel meiner nächsten Reise wieder südlich meiner Heimat liegen, denn eines hat unsere Reise mir in jedem Fall bewiesen: Sommerurlaub ist für mich ein Synonym für Temperaturen um die 30 Grad.
P.S.: Ich bin übrigens nach wie vor Nichtraucherin.