Ehrenamt und freiwilligen Arbeit

(von Dr. Klaus Voget)

Ende April war ich in meiner Rolle als Botschafter des Europäischen Jahres der Freiwilligentätigkeit zu einer Fachtagung unter dem Titel "Engagement verändert - der (Mehr)Wert von Freiwilligenarbeit" geladen. Es war eine spannende Tagung, die mir einige neue Erkenntnissen, aber vor allem die Auffrischung von bereits Bekanntem gebracht hat. So wurde beispielsweise erhoben, dass die höchste Zufriedenheit bei moderat freiwillig Tätigen gegeben ist. Unter "moderat" sind mindestens zwei bis maximal 15 Stunden pro Woche zu verstehen. Eigentlich ziemlich logisch - und für so manchen ÖZIV Funktionär vielleicht ein Aufruf für Veränderungen. Ehrenamt muss Spaß machen, sonst verschwinden alle damit verbundenen Vorteile! Auch die Tatsache, dass das ehrenamtliche Engagement positive Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden hat, gilt wohl nur, solange Zufriedenheit gegeben ist.

Wesentlich für ein zufriedenstellendes Engagement ist, dass die Erwartungen von allen Seiten erfüllt werden. Das heißt für die Freiwilligen zuallererst, sich ihrer Erwartungen bewusst zu werden. Ein wesentlicher Schritt! Auch um als nächstes die Erwartungshaltungen der Organisation oder des Leistungsempfängers mit den eigenen vergleichen und eventuell abstimmen zu können. Dieser Austausch ist ganz wesentlich für beide Seiten und kann viel Ärger und Enttäuschung ersparen.

Mein Appell an alle Ehrenamtlichen lautet daher: "Vergessen Sie nicht, dass Sie freiwillig in eine Tätigkeit einwilligen! Wenn die Bedingungen für Sie nicht passen und auch nicht nach Ihren Vorstellungen adaptierbar sind, dann suchen Sie sich ein anderes Betätigungsfeld! Lassen Sie sich nicht einspannen - das ist auf Dauer niemandem nützlich!"

Studien belegen, dass die Ehrenamtlichkeit in Österreich einen sehr hohen Stellenwert hat. Will man der Statistik Glauben schenken, so sind in Österreich sogar mehr Menschen als in Deutschland ehrenamtlich tätig. In unserem Land sind es 45 Prozent - wobei darin auch die "informell - also im nachbarschaftlichen und häuslichen Bereich Tätigen" erfasst sind.

In diesem Jahr gab es eine Vielzahl von Veranstaltungen, bei denen vor allem Politiker, Politikerinnen und Prominente ganz stolz auf die Leistungen des Ehrenamtes hingewiesen haben. Die EU hat uns eine Kampagne beschert - mit einem Lastwagen voll Material und einer österreichischen Beamtenschaft, die den Ball an die Organisationen weitergespielt haben...

Der Umgang mit dem Thema Ehrenamt gibt Anlass zur Sorge, dass sich unser Land wieder ein wenig mehr vom Sozialstaat entfernt. Es geht längst nicht mehr nur darum, dass Menschen außerhalb ihrer normalen Arbeit oder in der Pension einer sinnerfüllten Betätigung nachgehen, sondern ohne Ehrenamt würden manche Dienst schon längst zusammenbrechen. Es gäbe keine Feuerwehr und kein Rotes Kreuz, kein Hilfswerk und schon gar keine Selbsthilfeorganisationen wie den ÖZIV oder den VQÖ.

All diese Vereinigungen brauchen wir, um unsere Lebensqualität zu sichern. Der Staat hat über die letzten Jahre viel Verantwortung abgegeben. Nicht nur im Bereich des Personals, sondern natürlich auch im finanziellen Bereich. Heute ist es bereits normal, dass sich Fachhochschulen und Universitäten um Sponsoren umsehen, um ihr Angebot und ihre Qualität aufrecht erhalten zu können. Aber selbst im Pflichtschulbereich sehen viele Schulen schon die Notwendigkeit, für unentbehrliche Anschaffungen und Ausgaben Eltern, Freunde und Betriebe zur Kasse zu bitten. Und die Diskussionen rund um "Licht ins Dunkel" kennen wir ja alle - ich persönlich finde, dass beispielsweise ein Treppenlift für einen Kindergarten aus öffentlichen Mitteln zu bezahlen wäre.

Dieser Rückblick erfüllt mich ehrlich gesagt mit Sorge. Zu laut war mir die Begeisterung, als dass ich deren Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit nicht leise bezweifeln würde. Zu viel waren mir die diversen Versprechungen - von nachhaltiger Finanzierung, über Versicherung von Ehrenamtlichen bis zu entsprechendem Aufwandsersatz - als dass ich an deren Umsetzung wirklich glauben könnte.

Aber vielleicht hat mich der verregnete Sommer nur ein bisschen zu pessimistisch gemacht und die Ausarbeitung all dieser Angebote zur Unterstützung der ehrenamtlichen Arbeit ist ja bereits voll im Gange....

Zur Person des Autors: Dr. Klaus Voget ist Präsident der ÖAR und des ÖZIV sowie seit 1969 Mitglied des VQÖ.

Dr. Klaus Voget wurde 1947 in Seeboden (Ktn.) geboren. Seit 1966 (nach einem Verkehrsunfall) ist er querschnittgelähmt. 1982 schloss er die Ausbildung zum Richter ab. Er leitet nicht nur seit 1991 den ÖZIV, sondern steht auch der Dachorganisation der Österreichischen Behindertenverbände - der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (ÖAR) mit mehr als 78 Mitgliedsverbänden und über 400.000 Bürgern, als kompetenter Präsident vor. Persönliche Betroffenheit und sachliche Kompetenz sind die herausragendsten Qualitäten, die Dr. Klaus Voget als idealen Präsidenten unserer Organisation auszeichnen.

"Nicht nur die wirtschaftlichen Aspekte der Betroffenen stehen für mich im Vordergrund. Vielmehr ist es der individuelle Mensch und seine Bedürfnisse. Ich weiß, was es heißt, wenn Menschlichkeit als Wertmaßstab verlorengegangen ist. Davon sind zuerst behinderte Menschen betroffen, in der Folge aber alle."

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