Raus aus dem Rollstuhl
(von Tobias Micke)
Der typische Patient mit Verdacht auf Querschnittlähmung ist hierzulande jung, männlich und risikofreudig. Allein bei uns kommen jährlich 200 Opfer dazu. Eine neue Erfindung könnte diese Menschen wieder aus dem Rollstuhl holen.
Technik-Wunder: "Steh auf und geh!" Ted Kilroy, querschnittgelähmter Tester, macht mithilfe dieses Exoskeletts und funkender Spezial- Krücken erste Schritte.
Extrem grossen Anteil nahmen und nehmen die Menschen im gesamten deutschen Sprachraum am Schicksal des 23-jährigen Samuel Koch, der in der "Wetten dass…?"-Sendung vom 4. Dezember vor laufender Kamera verunglückte. Der deutsche Risikosportler und Teilzeit-Stuntman war beim Überspringen fahrender Autos mithilfe von mechanischen Sprungstiefeln so schwer gestürzt, dass er sich Wirbel und Rückenmark verletzte und schwere Lähmungen erlitt.
Der tragische Vorfall lenkte den Blick der TV-Zuschauer zum Glück auch ein wenig auf das Schicksal vieler hundert Unfallopfer im Sendegebiet, die jährlich abseits der Kameras beim Sport und oft völlig unverschuldet im Strassenverkehr verunglücken. Mit ganz ähnlicher, niederschmetternder Diagnose: Querschnittlähmung – Sie werden nie wieder gehen können!
Doch der lebenslange Rollstuhl scheint bald der Vergangenheit anzugehören. Ein Forscherteam an der kalifornischen Universität Berkeley hat in den vergangenen Jahren aus einer ursprünglich für militärische Zwecke gedachten Erfindung elektronische Beine für Gelähmte entwickelt.
Vor mehr als zehn Jahren hatte die US-Militäragentur DARPA ein Forschungsprogramm gefördert, das es Soldaten ermöglichen sollte, schwere Lasten mit 100 Kilo und mehr auf dem Rücken zu tragen: Ein mechanisches Aussenskelett (Exo-Skeleton) mit 40 Sensoren und einem kleinen Verbrennungsmotor als Antriebssystem namens Bleex. Der Apparat, der allein – je nach Ausführung – 15 bis 40 Kilo wiegt, unterstützt auf diese Weise die natürlichen Muskeln, nimmt ihnen einen Teil der Arbeit ab und entlastet auch gleichzeitig die Knochen. Schweres Gerät ohne Fahrzeuge oder Kräne z. B. in den sechsten Stock eines strategisch wichtigen Hauses zu bringen wird mit dem Exo-Skelett extrem erleichtert.
Querschnittgelähmte Testpersonen waren schon zwei Stunden "spazieren"
Deutlich schöner als die Vorstellung von Strassenkämpfen ist aber die Perspektive, die das weiterentwickelte Produkt unter dem Namen eLEGS (englisches Kürzel für "elektronische Beine") bietet: Anders als bei der Militärversion, bei der die Beinmuskeln den Impuls für die technische Verstärkung geben, sind bei eLEGS Spezialkrücken der Impulsgeber. Sie sind per Funk mit dem künstlichen Aussenskelett verbunden, und dieses weiss aufgrund typischer Bewegungen, was es zu tun hat. Bewegt etwa der Nutzer die rechte Krücke nach vorne und belastet sie, dann macht das linke Bein mithilfe kleiner Motoren einen Schritt nach vorne und umgekehrt. Testpersonen wie Ted Kilroy waren mit den Hightech-Gehhilfen bereits zwei Stunden lang unterwegs.
In etwa zwei Jahren will Eythor Bender, Chef der eigens von den Forschern gegründeten Firma "Berkeley Bionics" eine voll erprobte, alltagstaugliche Version der eLEGS auf den Markt bringen. Eythor Bender: "Wir hoffen, dass es in spätestens fünf Jahren für Menschen, die durch Unfall oder Krankheit an den Beinen gelähmt sind, ganz selbstverständlich ist, wieder gehen zu können."
Dass die Entwicklung noch schneller geht, dafür sorgt Konkurrenz aus Israel. Das System "Rewalk" funktioniert ähnlich wie das amerikanische und verwendet wiederaufladbare Batterien als Kraftquelle. Erprobt wurde es bereits in der Reha-Abteilung eines Krankenhauses in Tel Aviv.
Allergrösster Wermutstropfen beider Systeme dürfte allerdings anfangs der Preis sein. Die Israelis schätzen, dass eine solche Gehilfe für den Privatgebrauch so viel wie ein Luxusauto, nämlich um die 50.000 Euro kosten wird. Aber bei geschätzten 2,7 Millionen Querschnittgelähmten dürften sich die Kosten über die Serienproduktion rasch senken.
Mit funkenden Spezialkrücken als Impulsgeber soll es indes aber nicht getan sein. Wissenschafter arbeiten bereits daran, Maschinen (mittels Hirnimplantat) durch Gedanken zu steuern. Ist die Entwicklung ausgereift, könnten betroffene Nutzer also auch auf Krücken verzichten.
Nicht nur zur reinen Fortbewegung werden die revolutionären Gehhilfen aber von Bedeutung sein, sondern auch zur gesundheitlichen Verbesserung der Patienten. Versuche haben gezeigt, dass sich durch Bewegungstherapie bei Querschnittgelähmten nicht nur die Knochenstruktur verstärkt und das Muskelwachstum gefördert wird. Auch die Nervenzellen in den betroffenen Regionen werden angeregt, was Lähmungserscheinungen dauerhaft mildern kann. Wichtig dabei ist allerdings, dass in den Wochen und Monaten nach dem Unfall intensiv trainiert wird.
Auf diesen Effekt hoffen derzeit auch Wettkanditat Samuel Koch und seine Eltern. Tragische Ironie des Schicksals: Für ihn sind die technischen Beinverstärker gleichzeitig Fluch und Segen.
(Entnommen aus: Kronenzeitung vom 16. 1. 2011)
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