Cannabis auf Rezept – Verwendung in der Medizin

(Entnommen aus Paracontact 4/2015)
Von Teresa Brinkel, Verantwortliche für Kommunikation der Swiss Spinal Cord Injury Cohort Study (SwiSCI)

In der SwiSCI Studie wurde festgestellt, dass ungefähr 7% der querschnittgelähmten Menschen in der Schweiz Cannabis konsumieren. Das ist 6-mal mehr als in der Gesamtbevölkerung.[1]

Die Autoren vermuten, dass dies auf die spastik- und schmerzreduzierende Wirkung des Cannabis zurückzuführen ist.

Cannabispflanze (c) Wikipedia
Cannabis in der Medizin

Bereits seit 20 Jahren wird weltweit mit Cannabis als Arzneistoff geforscht. Dies hat dazu geführt, dass das Schweizerische Betäubungsmittelgesetz eine entscheidende Änderung erfahren hat: Seit Juli 2011 ist Cannabis für medizinische Zwecke grundsätzlich erlaubt. Ärzte können unter bestimmten Auflagen oral zu verabreichende Präparate verschreiben.[2]

Cannabis hat ein vielseitiges Wirkspektrum: Es wird angewendet bei Übelkeit und Erbrechen, Appetitlosigkeit und Abmagerung bis hin zu Spastik, Schmerzen und neurologischen Indikationen. Ein Vorteil der sogenannten „cannabinolen“ Präparate ist, dass sie nicht abhängig machen. Doch Cannabis als Medikament wird kritisch diskutiert. Gegner befürchten eine sich liberalisierende Haltung gegenüber Drogen.[3]

Präparate und Bewilligungsprozess

In der Schweiz werden bisher hauptsächlich zwei Präparate verwendet: 1.) eine Lösung mit dem synthetisch hergestellten Wirkstoff Dronabinol, 2) ein Mundspray aus Extrakten der Hanfpflanze. Für diese Präparate gelten jedoch strenge Auflagen. So muss der verschreibende Arzt für den Patienten eine Ausnahmebewilligung beim Bundesamt für Gesundheit einholen. Zusätzlich ist die Therapie sehr teuer: Patienten müssen pro Tag mit bis zu 30 CHF rechnen. Letztlich führt der aufwendige und teure Prozess dazu, dass viele Patienten illegal Cannabis konsumieren.[4]

Cannabispräparate im SPZ?

Nachgefragt bei Dr. Michael Baumberger, Chefarzt für Paraplegiologie und Rehabilitationsmedizin

Herr Baumberger, was sind Ihre Erfahrungen mit dem Einsatz von Cannabispräparaten im SPZ? Was berichten Ihnen Ihre Patienten?

Aus meiner Erfahrung kann Cannabis bei neurologischen Erkrankungen und Symptomen wie zum Beispiel Multipler Sklerose, Spastik und Schmerzen gut wirken. Dazu gibt es auch erfolgversprechende internationale Studien. Patienten berichten mir, dass die Wirkung der vollsynthetisch hergestellten Produkte aber eher gering ist. Stattdessen erzielen sie eine bessere Wirkung über das Rauchen von Marihuana. Laut Gesetz ist dies jedoch verboten und die SPG duldet weder den Konsum noch den Handel von Betäubungsmitteln. Wir Ärzte sind also in einer schwierigen Situation: Wir sind einerseits an das Gesetz und klare Weisungen gebunden, andererseits kann das „natürliche“ Cannabis bei bestimmten Indikationen gut wirken. In vielen US-Staaten beispielsweise ist Marihuana bereits legal und als Medikament erlaubt. In dieser Diskussion möchte ich aber klar von einer Bagatellisierung abraten, denn wir erleben immer wieder Patienten mit relevanten Nebenwirkungen bis hin zu psychotischen Erkrankungen. Dies ist auch durch Studien belegt.[5]

Vor zirka drei Monaten nahm der Ständerat eine Motion an, die den Weg für eine weitere Erforschung des Cannabis ebnet: In einem wissenschaftlichen Projekt soll nun weiter am natürlichen Cannabis als Heilmittel für verschiedene Krankheitsbilder geforscht werden.[6] Was erhoffen Sie sich davon?

Ich heisse dieses Vorhaben gut und hoffe, dass die Studie die Frage beantworten kann, warum der gerauchte natürliche Cannabis so viel besser wirkt als die synthetischen Präparate. Ich verspreche mir weiterhin mehr Erkenntnisse zur Frage der Dosierung, also in welcher Konzentration Cannabis sinnvoll eingesetzt werden kann, ohne dass die Belastung durch Nebenwirkungen zu hoch wird. Für Patienten müsste ein neues Präparat in jedem Fall kostengünstig sein. Sobald ein natürliches Präparat vom Gesetz erlaubt ist wird, würden wir es im SPZ sicher einsetzen. Ich bin deshalb sehr gespannt, was die Studie an Ergebnissen und Empfehlungen hervorbringt.

Herr Baumgartner, besten Dank für dieses Interview!


[1] Christine Fekete, Simone Weyers, Johannes Siegrist, Gisela Michel, Armin Gemperli: Poor nutrition and substance use in a Swiss cohort of adults with spinal cord injury.Journal of Public Health, February 2015, Volume 23, Issue 1, pp 25–35

[2] Manfred Fankhauser: Cannabis – eine neue (wiederentdeckte) Therapieoption. pharmaJournal 18, 9.2012, pp 29–31

[3] Claudio Agustoni, SRF Gesundheitswesen, 27.3.2014: www.srf.ch/gesundheit/ gesundheitswesen/cannabis-als-arznei-kaum-umstritten-kaum-genutzt

[4] Informationen zu den Auflagen und Kosten bei einer Apotheke, die Dronabinol in der Schweiz herstellt: www.panakeia.ch/dronabinolcannabis.html

[5] Suzanne H. Gage, Matthew Hickman, Stanley Zammit: Association Between Cannabis and Psychosis: Epidemiologic Evidence. Biol Psychiatry. 2015 Aug 12

[6] Informationen zum geplanten Projekt: www.parlament.ch/d/suche/Seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20144164