Kitesurfen ohne Grenzen am Gardasee

(ein Bericht von Peter Traussnig über die Teilnahme am Anfängerkurs)
Bei einem meiner Besuche auf der Homepage des VQÖ wurde ich im Juni des heurigen Jahres auf ein Posting aufmerksam, dass sofort mein Interesse weckte: „Kitesurfen ohne Grenzen am Gardasee“
Der Verein „Alto Garda Kite“ bietet nach mehrjähriger Vorbereitungszeit in Riva del Garda am Hafen von Porto San Nicolo als einziger Verein in Italien Anfängerkurse für Personen mit Mobilitätseinschränkung an.
Schon immer fasziniert von dieser Sportart, aber als hoher Paraplegiker die Möglichkeit der Ausübung eigentlich schon lange ad acta gelegt, war meine Begeisterung sofort geweckt. Nach einem ersten Informationsaustausch mit Dr. David Strano, dem Verantwortlichen und Initiator dieses Projektes, nahm die mögliche Teilnahme langsam Konturen an.
Was zu Anfang nur als eine Besichtigung und Informationsbeschaffung für den VQÖ vor Ort gedacht war, mündete schließlich in der Teilnahme des Anfängerkurses, um ausführlich darüber berichten zu können.
Nach Abstimmung der Termine – die Kurse finden derzeit von Juni bis Ende August jeweils von Donnerstag bis Sonntag statt – ging es am Donnerstag, den 05.07.2018 nach einem ersten Treffen und Kennenlernen um 11.00 Uhr mit dem theoretischen Teil um 13.00 Uhr los.
Auf der Wiese vor dem Clubhaus, gleich an der Promenade und noch angrenzend am Porto San Nicolo wurden sämtliche Ausrüstungsteile präsentiert und erklärt sowie die Grundprinzipien des Kitesurfens näher gebracht. Im Anschluss daran wurde in Abhängigkeit von der Mobilitätseinschränkung und Sitzbreite das Gerät (Sitzschale, Rückenlehne, Fußplatte) adaptiert. Danach um ca. 14.30 Uhr war die erste Einheit am bzw. im Wasser geplant. Dazu fährt man mit einem für einen Rollstuhl geeigneten Boot in einen bestimmten Bereich des Gardasees, da das Kitesurfen aufgrund gesetzlicher Bestimmungen nur dort zulässig ist.
Hatte ich anfangs noch die Erwartung, das Kursziel – ein unabhängiger Kitesurfer zu werden – an einem Wochenende zu erreichen, wurde mir schnell klar, dass dies zwar theoretisch möglich, aber in der Praxis nur sehr schwer zu erreichen sein wird, denn abgesehen vom persönlichen Fortschritt muss auch noch genügend Wind vorhanden sein. So passiert auch an diesem ersten Nachmittag, als der Wind von Anfang an eher schwach war und bald darauf derart abflaute, dass die Übungen mit dem Kite nur mehr ansatzweise möglich waren. Um die Zeit am Boot bzw. am See zu nutzen wurde ich mit Hilfe der anwesenden Lehrer und Helfer in einen Neoprenanzug gesteckt, in die zuvor angepasste Sitzschale gesetzt, welche mit einem Gestell am Board fixiert ist und damit rücklings zu Wasser gelassen. Sinn und Zweck war das Simulieren von typischen Situationen mit dem Board im Wasser und ich musste versuchen immer in die Ausgangslage zurück zu gelangen. Als Abschluss konnte ich mich dann doch noch im „Wakeboarden“ versuchen, womit der erste Tag vorüber war.
Mit dem Boot zurück im Hafen, brauchte ich nur einmal über die Straße zu fahren, um zur Unterkunft zu gelangen, eine einfache aber zweckmäßige und für Riva in der Hauptsaison erschwingliche rollstuhltaugliche Ferienwohnung im „Centro Vela“, die ich mit ruhigem Gewissen weiterempfehlen kann. In der Ferienwohnung angelangt, konnte ich die Spuren der Strapazen der Anreise sowie des ganzen Tages in der Sonne bei Temperaturen deutlich über 30°C nicht länger verleugnen und genoss einen erholsamen Abend.
Am zweiten Tag war Treffpunkt um 07.30 Uhr beim Clubhaus – wie immer für die Einheit am Vormittag. Nachdem die Ausrüstung zusammengestellt und am Boot verladen war, ging es raus auf den See, von wo man gegen Mittag zurückkam, sodass sich ein Besuch der barrierefreien Toilette im Hafen (sehr sauber!) meist lohnte.
An diesem Tag standen Übungen mit dem Kite am Programm, um diesen kontrolliert steuern zu können. Am zum Kitesurfen vorgesehenen Bereich am See angekommen, wird als erstes der Kite vorbereitet, was heißt, Luft in die dafür vorgesehenen Kammern zu pumpen, um diesen im Anschluss daran im Wasser aufzusetzen. Danach werden die an der Kite Bar (Steuereinheit des Kite) systematisch aufgewickelten Leinen (Zentralleinen, linke und rechte Steuerleine) abgewickelt und der Kite mittels Kite Bar am Boot fixiert. Während dessen hat eine andere Person am Bug des Bootes einen Autositz fixiert, in dem ich, nachdem ich das Trapez angelegt habe, Platz nehme und mit einem üblichen Sicherheitsgurt angeschnallt, sowie mit zusätzlich am Trapez befestigten Gurten am Boot verzurrt werde.
Jetzt kann es losgehen!

Der Kite wird am Metallhaken des Trapezes (ein breiter Gurt, der um die Taille geschnallt wird und an dessen Vorderseite sich in Metallhaken befindet) eingehängt und gesichert und der Umsetzung des bislang theoretisch gelernten steht nichts mehr entgegen. Sobald der Kite gestartet ist und am Windfenster steht, spürt man die Kraft, die sich entfaltet.
Das Windfenster stelle man sich in Windrichtung blickend wie einen Halbkreis vor, mit Zahlen wie auf einer Uhr, von 9-10-11-12-1-2-3, wobei 12 die neutrale Position bedeutet und die Position 10 und 2 die Powerzonen darstellen, wo der Kite die meiste Kraft entwickelt.
Versucht man anfangs, den Kite nur in der neutralen Position zu halten, ohne dass dieser bei „9 oder 3 Uhr“ ins Wasser knallt, werden die Übungen differenzierter und schwieriger, um die Kontrolle über den Kite zu erlangen. Es bedarf nur wenig Kraft, um den Kite zu steuern, aber obwohl immer wieder von den Trainern gesagt, ist man geneigt, das noch mangelnde Gefühl mit Kraft zu kompensieren, was sich im Nachhinein betrachtet als kontraproduktiv herausstellt.
Am Nachmittag dieses zweiten Tages war mangels geeigneten Windes keine Übungseinheit möglich, ebenso am folgenden dritten Tag.
Den Vormittag des dritten Tages sowie am vierten Tag vor- und nachmittags, verbrachte ich mit viel Einsatz und Geduld am Autositz festgeschnallt auf dem Boot, sodass ich am Abend des vierten Tages recht zufrieden die Heimreise antrat, nicht ohne zuvor einen Termin für die Fortsetzung des Kurses drei Wochen später zu fixieren.
Vorher war leider nichts mehr frei, denn obwohl erst heuer mit den Anfängerkursen gestartet wurde, besteht reges Interesse an den Kursterminen!
Drei Wochen später reiste ich voll motiviert bereits am Mittwoch an, um am Donnerstagvormittag um 07.30 Uhr beginnen zu können. Die Wetter- und Windprognose schien optimal zu sein und ich war zuversichtlich, den Anfängerkurs nach Ablauf des Wochenendes erfolgreich beenden zu können.
Wie der Tag zuletzt geendet hatte, begann auch dieser – Übungen mit dem Kite auf dem Boot im Autositz. Hatte ich zuerst befürchtet, nach der dreiwöchigen Pause wieder von vorne beginnen zu können, verliefen die Übungen erfreulicherweise sehr gut und noch am selben Vormittag war es möglich, einen Schritt weiter zu gehen und mit dem „Body Dragging“ zu beginnen.
Bekleidet mit Neoprenanzug und Schwimmweste sowie dem umgeschnallten Trapez geht man ins Wasser und der zuvor vorbereitete Kite wird am Trapez eingehängt und gesichert. Danach werden die zuvor vom Boot aus durchgeführten Übungen im Wassert ausgeführt, aber nicht ohne dabei vom Lehrer von hinten fixiert und festgehalten zu werden. Ohne dieses Festhalten und Fixieren durch einen Trainer wäre diese Übung für hohe Paraplegiker mangels Rumpf- und Bauchmuskulatur gar nicht möglich. Spürte man bei den Übungen im Boot den Zug, der auf das Boot der wirkte, so war es erst jetzt real spürbar, welche Kräfte unmittelbar auf den Körper einwirken. Als Abschluss des Body Dragging wird ähnlich wie später beim Start mit dem Board geübt, die richtig dosierte Kraft punktgenau zum richtigen Zeitpunkt wirken zu lassen, um aus dem Wasser zu kommen. Mit solchen Übungen klang der Vormittag sehr anstrengend für mich, aber noch anstrengender für den Lehrer, erfolgreich aus.
Am Nachmittag der erste Dämpfer, da mangels geeigneten Windes keine Übungseinheit möglich ist, ebenso am Freitag- und Samstagnachmittag. Am Sonntag war eine kurze Einheit möglich, bevor der Wind auch an diesem Nachmittag zu schwach wurde.
Am folgenden Freitag Vormittag ein nächster wichtiger Schritt: Startübungen mit dem Board und Kite im Wasser. Dabei ist einer der Lehrer ebenfalls im Wasser und unterstützt beim Start, um in der geeigneten Ausgangsposition zu bleiben. Bei diesen Übungen lag die Schwierigkeit weniger darin, aus dem Wasser heraus zu kommen, als danach mit dem Kite auf Zug zu bleiben und dadurch auf dem Wasser zu bleiben. Sank ich nach erfolgreichem Start mangels genug Zugkraft wieder ins Wasser ein, passierte es wiederholt, dass ich nicht schnell genug in die Ausgangsposition zurückfand und im ungünstigsten Fall auf der Seite liegend oder nach hinten verdreht vom Kite knapp unter die Wasseroberfläche gezogen wurde. Obwohl ich im Vorfeld über das Verhalten in derartigen Situationen instruiert wurde, heißt es Ruhe zu bewahren und schon gar nicht blindlings nach der erstbesten Leine zu greifen, was die Situation unter Umständen noch verschlimmert. Selbstverständlich ist zumindest ein Lehrer in der Nähe, der so schnell wie möglich Unterstützung bietet. Schließlich schaffte ich es nach ein paar Versuchen, die ersten paar Meter über das Wasser zu gleiten.
In der gleichen Art verlief auch der Samstagvormittag. Am Sonntagvormittag war noch ein anderer Anfänger mit an Bord, der sich in ähnlichen Übungen versuchte. Als dieser begann, war der Wind anfangs fast zu stark und nachdem gewechselt wurde und ich schließlich im Wasser war, flaute der Wind derart schnell ab, sodass ich mir den Aufwand hätte ersparen können.
Obwohl ich mein vorgenommenes Ziel, den Kurs an diesem Wochenende erfolgreich zu beenden, nicht erreicht hatte, trat ich am Abend einigermaßen zufrieden die Heimreise an. Zufrieden deshalb, weil ich wusste, wie das Kitesurfen funktioniert und es einfach noch etwas Geduld und Übung bedarf! Vielleicht schaffe ich es noch in dieser Saison, aber spätestens in der kommenden Saison gehe ich davon aus, den Kurs abschließen zu können.
Abschließend möchte ich noch anmerken, dass die beschriebenen Kursinhalte und die damit verbundenen Übungen auf meine persönlichen Bedürfnisse abgestimmt waren. Selbstverständlich wird auf die individuellen Bedürfnisse jedes Anfängers Rücksicht genommen. Weiters bin ich mir sicher, dass Paraplegiker mit Funktionen der Rumpf- und Bauchmuskulatur und/oder jene, die bereits Vorkenntnisse im Kitesurfen haben, um einiges schneller den Kurs erfolgreich absolvieren werden.
Es wäre natürlich wünschenswert, wenn auch an geeigneter Stelle in Österreich die Möglichkeit bestünde, diese Sportart zu erlernen und auszuüben.

Für Fragen und Auskünfte stehe ich gerne zur Verfügung.
Kontaktdaten:
Peter Traussnig
E-Mail: bernd.peter@aon.at